Sustainability

Interview

Nachhaltigkeit: „Im Zweifel ohne den Kunden“

Jan-Markus Rödger und Lars Karsten internalisieren bei umlaut nachhaltiges Handeln. Das kostet Kraft und manchmal Geschäft. Ein Bekenntnis.

Breaking: Der Weltklimarat meldet, dass die Erderwärmung um 1,5 Grad schon im Jahr 2030 erreicht wird. Höchste Zeit umzudenken! Gab es bei euch einen Schlüsselmoment, der zum Strategiewandel führte?

Lars Karsten: Bei mir persönlich gab es den einen Moment: Ich war 2019 auf der Paris Air Show – eine riesige Messe voller Luftfahrtunternehmen. Das Nachhaltigste, was ich da gefunden habe, war der vegane Hamburger am Foodstand draußen vor der Halle. Mir wurde klar, dass das ein Geschäft werden wird. Wir arbeiten für Unternehmen, die massiv CO2 ausstoßen. Es ist völlig klar: das müssen wir umkehren. Und damit starten wir bei uns selbst.

Wie?

Jan-Markus Rödger: Mir dem green umlaut Stream, das ist ein dreistufiger Prozess. Im ersten Schritt haben wir ergründet, wer wir wirklich sind – in Gesprächen mit Mitarbeitenden auf allen Ebenen. Gemeinsam wurden Prinzipien vereinbart und eine transparente Kommunikation aufgebaut. Das Zweite ist The Core – also der Anspruch, dass Nachhaltigkeit im Kern ankommt und sich von innen heraus strahlt. Und on the töp – Stufe drei – wollen wir mit unseren Teams und ihren technologischen Fähigkeiten Kunden bei der Umsetzung eines nachhaltigen Produkt- und Dienstleistungsportfolios unterstützen.

Und das geht nur mit einem Sinneswandel…

Jan-Markus Rödger: Mindchange dauert lange. Die Zeit haben wir nicht mehr. Technologie ist der größte Hebel, um Nachhaltigkeit schnell nach vorne zu pushen! Bei umlaut haben wir sehr kluge Köpfe sitzen. Das hat mich fasziniert und an Bord geholt. Jetzt kommt es darauf an, die vorhandenen Kompetenzen um den Nachhaltigkeitsgedanken zu ergänzen. Wir müssen nach uns auch unsere Kunden befähigen, nachhaltig zu werden. Dazu haben wir ein Team aus Nachhaltigkeitsexperten gebildet, die intern Projekte umsetzen und als Satelliten in all unseren Industrien und Kompetenzfeldern direkt auf Kundenprojekten mitwirken. Hier nutzen wir unsere Netzwerkstruktur in den über 20 Tochterunternehmen für Kollaborationen, nicht von oben nach unten, sondern mit einem gemeinschaftlichen Ansatz.

Lars Karsten: Zusätzlich treiben uns die Kollegen aus unserem Energy-Cluster an. Mit ihnen begleiten wir seit Jahren die Energiewende. Mit der Wasserstoff-Studie nehmen wir beispielsweise direkt Einfluss auf den Markt. Wir haben auch Leute, die den sicheren Rückbau von Kernkraftanlagen begleiten und Ingenieure, die ausrechnen, wie Stromnetze die Energiewende aushalten. Sie simulieren, was passiert, wenn auf dem Land plötzlich alle am Sonntagabend ihr E-Auto laden möchten. Allein aus dem Energy-Team arbeiten mehr als 70 Kollegen direkt auf Nachhaltigkeitsprojekten mit unseren Kunden.

Wie lehrt ihr Nachhaltigkeit – nach innen wie außen?

Jan-Markus Rödger: Dabei hilft uns unter anderem das neue Management-System ISO 14001, mit dem wir unsere gesteckten Ziele und Maßnahmen in allen Tochterunternehmen dokumentieren, über Trainings und Kommunikation, stetigen Austausch. Jeden zweiten Donnerstag können sich alle Kollegen und Kolleginnen bei "umlaut goes sustainable" über neue, konkrete Maßnahmen informieren und austauschen. Im Intranet haben wir eine eigene Seite dazu, um die Projekte und Maßnahmen im Überblick zu sehen und den Fortschritt festzuhalten. Darüber hinaus haben wir das green Lunch – derzeit digital – ins Leben gerufen. In einem geschützten, nicht öffentlichen Rahmen laden wir Experten von außen ein, die uns Interna über ihre Praktiken verraten. Mit ihnen entwickeln wir im Anschluss neue Ideen.

Markus, du kamst als Director Sustainability im November 2020 zu umlaut. Warum erst zu dem Zeitpunkt?

Jan-Markus Rödger: Gute Frage! Lars?

Lars Karsten: Die ehrliche Antwort ist, dass wir bei umlaut erst einen Generationswechsel in den Führungspositionen vollzogen haben. Es gab vorher klassische Berater, die Haltungsthemen wie Nachhaltigkeit, Diversität oder Code of Ethics nicht mit der Zielstrebigkeit verfolgt haben, die dafür notwendig ist. Das Unternehmen wurde mit dem jüngeren Vorstand ein Stück erwachsener und hat diese Themen mit noch mehr Priorität auf die Agenda für die strategische Entwicklung gehoben. Ich bin überzeugt, dass wir nur so zukunftsfähig bleiben. Wo wir zu lange gestockt haben, machen wir heute Tempo.

Ihr könnt aber schlecht die Führungsetagen eurer Kunden verjüngen?

Lars Karsten: Das ist Sache unserer Change Management Kollegen, die den Wandel bei Kunden vorantreiben. Wenn du nicht beim Management anfängst, den Nachhaltigkeitsgedanken zu internalisieren, dann werden Führungskräfte im Zweifel immer die Business-Entscheidung treffen. Eine gute Methode, um Awareness im Unternehmen zu schaffen: sechs Wochen lang genau den eigenen CO2-Abdruck nachzeichnen. Jeden Spülmaschinentab, jede Ananas aus den Tropen, jede Reise zum Kunden. Wer das einmal gemacht hat, ist anschließend wacher. Sobald die Aufmerksamkeit in der Führungsetage da ist, betrachten wir die gesamte Wertschöpfungskette, um nachhaltigere Lösungen für das Produkt- und Dienstleistungsportfolio herauszuarbeiten – und schließlich eine klimaneutrale Produktion anzustreben.

Welche Ziele habt ihr euch selbst gesetzt?

Jan-Markus Rödger: Wir orientieren uns an den und haben uns zum Ziel gemacht, unsere Treibhausemissionen im Vergleich zum Jahr 2019 um 40% relativ zum Umsatz zu reduzieren. Wir streben die ISO 14001 Zertifizierung bei vielen unserer Tochterunternehmen bereits bis 2022 an. Dafür haben wir zunächst eine Wesentlichkeitsanalyse gemacht und auf Basis der UN Sustainable Development Goals (SDG) die maßgeblichen Handlungsfelder identifiziert, in denen umlaut nach innen wie außen wirkt. Von den insgesamt 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen haben wir uns zunächst sieben zu Herzen genommen, allen voran den 1,5 Grad Erderwärmung entgegenzuwirken. Unsere Prinzipien sind nicht in Stein gemeißelt, aber derzeit von größter Wichtigkeit im Spannungsfeld Geschäftsführung, Kunden und Mitarbeiter. Unsere Projektliste wächst stetig, umlaut Mitarbeiter können selbst Ideen und Maßnahmen einbringen und werden von uns finanziell und strategisch unterstützt.

Was sind das für Ideen und Maßnahmen?

Jan-Markus Rödger: Die Maßnahmen reichen vom Umdenken bei Verbrauchs- und Recycling-Themen bis hin zu radikaleren Ansätzen. Da geht es um den Austausch unseres Fuhrparks durch kleinere E-Autos oder Fahrräder. Es geht um das Reduzieren von Flügen, die Umstellung unserer Hardware auf langlebige Produkte und vieles mehr.

Wie messt ihr euren Status Quo? Was zeigt der umlaut Footprint heute?

Jan-Markus Rödger: Es ist eine große Aufgabe, das für umlaut mit über 4.200 Mitarbeitern aus über 80 Nationen an über 50 Standorten zu erheben, doch wird sind auf dem Weg. Für unsere Tochter umlaut engineering konnten wir nach dem Greenhouse Gas Protocol die Scopes 1-3 ermitteln. Das sind Emissionen aus eigenen und kontrollierten Quellen, zugekaufte Ressourcen wie Strom, Wasser und Wärme sowie indirekte Emissionen, die in der Wertschöpfungskette anfallen wie Business Travel, was wir einkaufen und wie die Logistik aussieht.

… indirekt heißt aber auch bei euren Kunden aus der Automobilbranche, Luftfahrt oder Telekommunikation?

Jan-Markus Rödger: Ja. In Scope 3 gibt es auch das Kriterium „impact of sold products and services“. Hier versuchen wir künftig zu ermitteln, was wir über unsere Projekte beim Kunden bewirkt haben. Das ist nicht ganz einfach, weil unsere Kunden ihre Erfolge natürlich selbst reporten möchten, um gut bei den Rating-Agenturen abzuschneiden. Doch das sind Einzelfallbetrachtungen, da kommt es auf eine gute Methodik an.

Was macht ihr mit Kunden, die Nachhaltigkeit nicht priorisieren?

Lars Karsten: Im Zweifel lassen wir sie ziehen. Es gab schon Projekte, die wir abgelehnt haben. Erst gerade hatte ich ein mutmaßlich nachhaltiges Bauprojekt in Brasilien auf dem Tisch. Das sah auf den ersten Blick vielversprechend aus. Dann haben unsere Sustainability-Experten ausgerechnet, dass die zu rodende Urwaldfläche in keinem Verhältnis zum CO2-Gewinn stand. Wir haben es abgelehnt. Und diese Brille setzen wir auch nach Innen auf. Das fällt nicht allen leicht. Unser Beruf war schon immer mit vielen Reisen verbunden. Es wäre das gänzlich falsche Signal, wenn wir mit einem SUV auf den Kunden-Parkplatz rollen.

Wie sehen das neue Mitarbeiter?

Lars Karsten: Für die nachrückende Generation werden Nachhaltigkeitsprojekte zu immer größeren Erfolgsindikatoren. Bei uns können sie den technologischen Wandel in den Schlüsselindustrien mitgestalten, laut unseren Recruitern ist das Bewerbern heute wichtiger als Geld und Titel.

Vielen Dank für das Gespräch!

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