umlaut Bernd Valentin

Interview

„Die Digitalisierung rettet Leben“

Die digitale Rettungskette verspricht Geschwindigkeit, Sicherheit und Transparenz. Ein Gespräch mit umlaut telehealthcare Geschäftsführer Bernd Valentin.

Herr Valentin, Sie wurden als praktizierender Notarzt schon zu zahllosen Notfällen gerufen. Wie oft hätten Sie sich lieber per Telefon zugeschaltet?

Oft. Tatsächlich war so mancher Einsatz im Seniorenheim dabei. Am Ende hätte die Kompetenz eines Notfallsanitäters mit Unterstützung digitaler Lösungen wie dem Telenotarzt für eine gute Versorgung ausgereicht. Natürlich kann es auch in Seniorenheimen zu ernsten Notfällen kommen. Doch tatsächlich wird nur bei 15 Prozent aller Notarzteinsätze der Notarzt wirklich vor Ort gebraucht. In vielen Situationen kommen geschulte Notfallsanitäter auch ohne Notarzt vor Ort zurecht.

… und wenn nicht?

Dann fährt unser Telenotarzt im besten Fall als digitale Option auf ihrem Rettungswagen mit. Der Wagen ist mit umfassender Telenotarzt-Technik ausgestattet, die im Ernstfall helfen kann, besser zu retten. Unglücklich ist, wenn die Leitstelle auf Verdacht einen Notarzt per Rettungshubschrauber oder separatem Einsatzfahrzeug sendet, der kurze Zeit später bei einer Reanimation im Einzugsgebiet fehlt. Hier sind unsere Produkte eine ergänzende Ressource.

Unfallort absichern – Erste Hilfe leisten – Auf Rettung warten. Das ist soweit gelernt und verstanden. Was kann umlaut telehealthcare ergänzen?

Die umlaut telehealthcare GmbH bietet Lösungen entlang der gesamten Rettungskette an. Selbst in gut erschlossenen Regionen dauert es sechs oder sieben Minuten, bis die Rettung am Einsatzort ist. Im Falle eines Herzstillstandes sind neuronale Folgen ohne Sauerstoffzufuhr bereits nach drei Minuten zu erwarten. Unser Produkt „Corhelper“ ist eine App, die in Echtzeit die Verfügbarkeit geschulter Ersthelfer prüft und hilft, diese in unter drei Minuten an diesen Einsatzort zu bringen. Und auch hier hat dieser Helfer auf Knopfdruck die Möglichkeit, den Telenotarzt hinzuzuziehen.

Rettung geglückt! Der Patient atmet wieder. Was nun?

Parallel erstellt das Rettungsdienstpersonal am Einsatzort, der Telenotarzt oder die Leitstelle einen Datensatz, der mit unserem Dienst „Vetora“ an das empfangende Krankenhaus gesendet wird. Während der gesamten Rettung entsteht so ein transparentes Abbild des Notfalls für alle in der Entscheidungskette, bis hin zum Kostenträger.

Ist die digitale Rettungskette dann nicht eher ein Puzzle, das sich nur aus vielen ineinandergreifenden Tools zusammensetzt?

Ja. Auch Einzelteile dieses Netzwerks können helfen, besser zu retten. Die Träger beauftragen zum einen die technische Ausstattung und Bereitstellung der Tools und zum anderen die Inanspruchnahme der Telenotärzte in der Telenotarzt-Zentrale von überall und rund um die Uhr.

Warum buchen dann nicht alle Träger das Gesamtpaket?

Die Verantwortung der Bedarfsplanung für den Rettungsdienst ist eine kommunale Aufgabe. Die Träger ermitteln ihren Bedarf in der Regel auf Basis der Einsätze im Vorjahr. Dabei werden viele Möglichkeiten wie das Zusammenwirken einzelner Rettungsmittel über kommunale Grenzen hinaus zu stark vernachlässigt. Wer hier vernetzt denkt, spart nicht nur Geld, sondern verkürzt auch das therapiefreie Intervall für den Notfallpatienten und rettet Leben.

Wie geht’s denn besser?

Mit unserem Forschungsprojekt „preRESC“ können wir Notfälle prognostizieren, bevor sie eintreten. Dazu beziehen wir demographische Daten ein, die uns voraussagen, wie sich eine Region strukturell entwickelt. Das können geplante Bauvorhaben sein, demographischer Wandel durch Landflucht oder Zuwachs. Viele weitere Parameter und Einflussfaktoren wie Wetterdaten, Verkehrsaufkommen oder das aktuelle Nachrichtengeschehen fließen hier mit ein und ermöglichen so eine genauere Bedarfsplanung bis in die Echtzeit. Daran könnte man entsprechende Rettungsmittel-Bausteine ausrichten.

Dennoch passieren Unfälle überall in Deutschland, den Nachbarländern und der Welt. So lehrt es uns die Tageschau. Haben Sie als Telenotarzt dann jemals Feierabend?

Unser Telenotarzt ist theoretisch unabhängig von Raum und Zeit. Doch die bürokratischen Hürden sind im deutschsprachigen Raum schon hoch. Darum konzentrieren wir uns innerhalb der umlaut telehealthcare GmbH zunächst hierauf. Viel zu wenige wissen überhaupt, wozu Telemedizin im Stande ist und dass sie wirklich Leben retten kann, insbesondere in strukturschwachen Regionen und in unterbesetzten Rettungsdienstbereichen.

Unsere Stärken liegen in der Vernetzung der Telenotarztstandorte mit überregionalem Ansatz. Wir sorgen flächendeckend für technische und personelle Qualitätsstandards, unterstützt durch die Supervision unseres Telenotarzt und Telenotarztsystems – rund um die Uhr.

Es scheint, als wäre zumindest die Rettungsgasse auf den Autobahnen in den Köpfen der Bürger angekommen. Wie gelingt Ihnen das nun mit der Telemedizin?

Wir konzentrieren uns auf klare Botschaften. Unser Service ist mit über 30.000 Einsätzen in der Regelversorgung das Original. Wir sehen unser System nicht als ein rein technisches. Wir bei umlaut setzen auf Experten aus notwendigen Randbereichen, wie Communications, Automotive, Health und KI. Damit können wir den Einsatz unserer Tools auch unter schwierigen Bedingungen gewährleisten und vor allem mit Blick auf die Anwender entscheidend für die Zukunft weiterentwickeln.

Im Fokus unserer Ansprache sind zunächst die Anwender, die mit unseren Produkten selbst arbeiten sollen. Das sind die Rettungssanitäter, Rettungsassistenten, Notfallsanitäter im Rettungswagen, die Notärzte und Telenotärzte sowie auch die Disponenten in der Leitstelle. Sie sind für uns die validierenden Multiplikatoren und steigern gemeinsam die Qualität in der Notfallrettung für den Patienten.

Vielen Dank für das Gespräch.